Auszug aus "unsere Wundhunde" Nov 11 DWZRV - Cirneco dell'Etna - eine faszinierende Hunderasse

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Bericht von Helen Bauer in Unsere Windhunde Nov 11
Cirneco dell Etna ! Eine faszinierende , kleine, im sportlichen Sinne absolut alltagstaugliche Hunderasse, die leider sehr wenig bekannt ist und einen Rassenamen trägt, den sich selbst die wenigsten interessierten Personen merken können. Wie oft werde ich gefragt, wie diese schönen Hunde von ihrer Rasse her heißen und wenn ich es dann sage, wird fast immer gleich abgewinkt, das kann ich mir sowieso nicht merken. Auch wenn ich geduldig erkläre, dass diese Hunde aus Sizilien stammen und daher das dell Etna (der bekannte Vulkan ) doch eigentlich wieder einfach zu merken wäre. Deshalb stelle ich jetzt häufig meine beiden Hunde als Etnahunde vor, wie sie auch in manchen Ländern bezeichnet werden.
Doch wie kam ich dazu, gerade mit dieser Rasse zu leben? Seit 35 Jahren halte ich Windhunde. Das waren 4 Whippets, 1 Saluki, 1 Azawakh und jetzt 2 Cirnecis. Ich habe also wirklich Erfahrungen im Zusammensein mit Windhunden gesammelt. Dazu war ich immer aktiv , sowohl im Ausstellungs als auch im Rennbetrieb.
Mein Hauptanspruch an jeden Hund ist eigentlich, dass er relativ unkompliziert ist, dass ich stressfrei (bzw. stressarm ) mit ihm in geeignetem (wildfreiem oder wildarmen) Gelände freilaufend spazieren gehen kann, dass er sich möglichst mit allen Hunden verträgt, und dass er auch mal längere Zeit zu Hause alleine bleiben kann, und demzufolge kein Kläffer ist.
Und wenn er dann noch voller Freude und Enthusiasmus sauber auf der Rennbahn und im Coursing läuft, dann bin ich glücklich. Persönlich gefällt mir die Farbe rot noch sehr gut und Stehohren finde ich herrlich.
Alle diese eben aufgezählten Eigenschaften haben meine beiden schönen und liebenswerten , sehr anschmiegsamen Cirneco dell Etna Exemplare. Die Hündin, Ammira, habe ich mir vor drei Jahren angeschafft. Sie sollte mit meiner absolut braven Whippethündin Almansors Mogwei leben, die in allem ein Musterexemplar war. Da mir der tägliche Freilauf absolut wichtig ist, habe ich es mir wirklich gut überlegt Die zukünftige Cirneco-Mutterhündin lebte in der Schweiz. Ich hatte sie auf einer Europasiegerzuchtschau kennen gelernt. Sie war kleiner und zierlicher als ich erwartet hatte, war traumhaft dunkelrot in der Farbe (für mich ein weiteres wichtiges Kriterium ) und saß ohne Halsband und Leine völlig ruhig nur auf einem kleinen Deckchen neben ihrem Besitzer Herrn Lombardo, einem gebürtigen Sizilianer. Zum Glück sprach der Italiener super Deutsch, da er in der Schweiz lebt. So konnte ich mich wenigstens ausführlich mit ihm über seine Hündin unterhalten.
Meine Frage nach dem Freilauf beantwortete er positiv. Trotzdem wollte ich es ganz genau wissen und verabredete mich mit ihm zur nächsten Ausstellung in Donaueschingen, zu der ich extra aus Berlin hinfuhr. Dort gingen wir mit noch einigen anderen Windhunden freilaufend im Park spazieren und ich konnte sehen, dass sich die zukünftige Mutter meiner Hündin genauso freundlich und gehorsam frei bewegte, wie ich es mir wünschte. Also freute ich mich schon auf den zu erwartenden Wurf. Als er da war, gab es nur eine Hündin und sie wurde meine. Nie habe ich es bereut Mit der Whippethündin ergab sich ein Superteam, die beiden waren ein tolles Gespann . Ich konnte auch beide gut zusammen alleine zu Hause lassen.
Schon bald zeigte es sich auf der Rennbahn , dass Ammira auch Rennen würde, dazu brauchte sie kaum Training, lediglich für die Erkentnis, dass es im Kasten immer nur vorne wieder heraus geht, brauchte es einen kurzen Lernprozess.
Leider wurde dem Zusammensein mit meiner geliebten Whippethündin im Alter von nur sieben Jahren ein grausames Ende gesetzt. Im Urlaub muss sie einen Giftköder aufgenommen haben, an dem sie elendig in einer Klinik, die ich sofort aufsuchte , zuletzt mit einem Blutsturz verstarb. Ich war erst einmal völlig geschockt Als ich langsam wieder zu mir kam, hatte ich den Wunsch, die entstandene Leere neu zu füllen. Da es denselben Hund sowieso nicht wieder gibt, musste es auch kein Whippet mehr sein. Das Schicksal wollte es, dass im Hause Lombardo inzwischen ein zweiter Wurf da war und ein Rüde noch ein zu Hause suchte. Eigentlich wollte ich nie wieder ein Pärchen haben, jeder kennt die Nachteile , wenn eine Hündin heiß wird. Da er mir aber sehr gefiel, zog jetzt Bacardi bei mir und seiner Halbschwester Ammira ein. Beide sind ein Superpaar, äußerlich und charakterlich aber recht verschiedene Typen. Was ich bisher noch nicht so ausgeprägt kannte, sie spielen sowohl im Garten ,als auch auf den Wiesen sehr intensiv miteinander, obwohl sie das mit anderen Hunden nach der Jugendphase nicht mehr so oft tun.
Ammira ist die aktivere, sehr gehorsam, und in freier Natur immer bei mir. Ich brauche mich nicht nach ihr umzusehen, wenn ich unterwegs bin, selbst aus einem Mauseloch löst sie sich, wenn sie merkt, dass es weitergeht .Überhaupt mäuselt sie sehr gerne, was der Rüde nur sehr selten tut. Bei Begegnungen mit Hunden ist sie bei größeren, ihr nicht bekannten Exemplaren manchmal ein wenig zickig, das heißt sie klappert zur Warnung mit den Zähnen, ohne zu beißen. Deshalb wird es immer richtig als nicht so ernst verstanden. Hat sie Vertrauen gefasst, fordert sie sogar ab und zu zum Spielen auf. Überhaupt ist sie gut zu beeinflussen. In
Hundeauslaufgebieten in Berlin, die ich regelmäßig besuche, wo wir wirklich in einem nicht abreißenden Fluss auf Hunde jeglicher Art treffen, kümmert sie sich überhaupt nicht um andere Hunde. Damit steht sie ganz im Gegensatz zu Bacardi, dessen einziges wirkliches Ziel jedes Spazierganges es stets ist, jeden Hund , der ihm über den Weg läuft, zu begrüßen ,um zu sehen, ob sich vielleicht darunter eine interessante Hündin befindet. In diesem Moment verliert er auch sein sonst gutes Gehorsam und folgt mir erst, wenn er sich genau orientiert hat. Dabei verhält er sich absolut sozial und verträglich auch jedem Rüden gegenüber. Bedrohlichen Rüden geht er schon von weitem aus dem Weg, sodass ich überhaupt keinen Stress in dieser Beziehung mit ihm habe. Allerdings muss ich immer darauf achten, dass er auch wieder mit mir mitkommt und nicht den Anschluss verliert, ganz anders als die Hündin, die immer aufpasst, wo ich bin.
Bald zeigte es sich, dass Bacardi nicht nur ein in seinem Wesen bezaubernder Wegbegleiter ist , every bodys darling, sondern dass er im Sinne des Standards einen vorzüglichen Vertreter seiner Rasse repräsentiert. So konnte er unter anderem die Titel Europajugendsieger 2010,Weltjugendsieger 2010, Jahressieger 2010, Bundessieger 2010,Europasieger 2011 und Millenniumssieger 2011 erringen.
Natürlich sind Cirnecos echte Windhunde. Wenn sie einen Hasen oder Kaninchen sehen, ist jeglicher Gehorsam auch bei meinen Hunden vorbei. Dann verfolgen sie bellend die Beute, bis sie sie nicht mehr sehen. Bellen sie nicht mehr, haben sie das Tier verloren. Meine anfängliche Sorge, sie könnten jetzt die Spur weiter mit der Nase verfolgen, hat sich nicht bestätigt. Man sagt das den mediterranen Rassen eigentlich nach. Überhaupt haben sie nie eine reine Wildspur länger als ein paar Meter verfolgt. Das finde ich sehr beruhigend. Da ihre Renngeschwindigkeit auch deutlich geringer als bei einem Whippet ist (auf der Rennbahn gut zu sehen), kann ich mir ihre Chancen , einen gesunden Feldhasen zu fangen, nur als schlecht vorstellen. Zum Glück haben wir in zwei Jahren erst einen Hasen getroffen, den beide natürlich verloren haben. Dafür treffen wir im Wald öfter auf Rehe, zum Teil sogar in direkter Nähe. Zu meinem großen Erstaunen laufen beide Hunde im Prinzip nicht hinter Rehen her, Ammira gar nicht, der Rüde ab und zu ein paar Meter. Das unterscheidet zumindest meine beiden Cirnecis von allen meinen anderen Windhunden in ihrem Jagdverhalten, die Rehe immer mehr oder weniger kurze Zeit verfolgten .
Da beide begeisterte Läufer auf der Rennbahn sind und ich regelmäßig zum Training gehe, haben sie inzwischen eine Renn- und Coursinglizenz. Leider gibt es zur Zeit in Deutschland nur noch einen Cirnecorüden mit einer gültigen Rennlizenz, was sehr bedauerlich ist. Tschechische Sportfreunde fragen regelmäßig an, ob wir denn nicht aktiv sein wollen. Ich habe es jedenfalls vor, obwohl es mit so einer Minderrasse eben sehr aufwendig ist, da die Wege weit sind, um zusammenzukommen. Ich glaube, das ist auch mit ein Grund, weshalb renninteressierte Menschen keinen Cirneco haben wollen. Für Windhundleute sind sie kein richtiger Windhund und für normale Halter sind sie kein richtiger Hund.
Wenn man sie mit dem etwa gleich großen Whippet vergleicht, dann sind sie noch etwas lebhafter und bewegungsfreudiger als diese, auf jeden Fall ausdauernder ,wenn man die Zeit für sie hat, vor allem, wenn sie noch in der Sturm und Drang Phase sind. Hat man keine Zeit, liegen sie aber auch vollkommen ruhig und artig mal 10 Stunden im Auto hinter mir.
Ab einem Alter von zwei Jahren aber sind sie deutlich ruhiger und lieben die weichen Kissen. Was sie im Gegensatz zu allen meinen Whippets nicht lernen, ist, eine Straßenkante als Grenze zu akzeptieren. Das heißt, an einer Straße muss man sie an der Leine führen.
Von Windhundleuten wird man oft gefragt, wie es mit dem Bellen ist. Ich kann sagen, meine Cirnecis bellen nicht mehr und nicht weniger als meine Whippets es getan haben. Ich habe mit Ammira noch in einem Wohnhaus mit 10 Parteien, bei denen Hundehasser dabei waren, gewohnt. Ich hätte immer einen Brief an meiner Tür vorgefunden, wenn sie sich während meiner Arbeitszeit nicht ruhig verhalten hätte.
Die Aufmerksamkeit der Rasse ist aber insgesamt sehr hoch, ihnen entgeht selten etwas von dem , was um sie herum passiert.
Kleine Kinder sind kein Problem, wenn sie ruhig daran gewöhnt werden. Das mussten auch die Whippets erst lernen, gelassen bei lautstarken Attacken kleiner Menschen zu bleiben. Mein Enkel ist immer begeistert, wenn er mit den beiden Hunden herumtoben und Gassi gehen darf.
Ich selbst laste meine Hunde durch lange Fahrradtouren freilaufend aus. Ich habe wenig Geduld, ihnen verschiedene Kommandos beizubringen oder mir andere Beschäftigungen auszudenken.
Ich glaube schon, dass Cirnecis bis zu einem gewissen Grad sich auch in heute vielfältig angebotenen Hundesportartenarten gut bewähren können. Es wäre aber immer eine Herausforderung für den Besitzer, da eine gewisse Eigenständigkeit zur Rasse gehört. Eine kleine Hündin aus dem Hause Lombardo wird zur Zeit erfolgreich und mit Begeisterung in Obedience ausgebildet.
Prinzipiell möchte ich noch einmal etwas zum Freilauf von Windhunden aus meiner langjährigen Erfahrung bemerken. So paradox es klingt, aber gerade in einer Großstadt, wenn sie über weitläufige grüne Areale wie Berlin verfügt, können besonders unsere Hunde viel mehr ihr ureigenstes Bedürfnis nach freier, schneller Bewegung ausleben, weil es hier eben nur selten zu einer Begegnung mit Wild kommt. Und kaum etwas ist schöner anzusehen als ein Windhund in freiem Lauf und herausforderndem Spiel mit anderen ebenso glücklichen Hunden. Voraussetzung dazu ist aber immer eine gute Sozialisierung, die sofort nach Einzug des neuen Familienmitgliedes beginnen muss.
Ich würde mich freuen, wenn mein Beitrag es vermochte, den einen oder anderen dazu zu bewegen, einmal darüber nachzudenken, dass so ein schöner kleiner praktischer Hund, der alles mitmacht, doch der ideale Begleiter wäre.
 
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